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Marmor mit den Augen des Künstlers

Material und Techniken im Lauf der Zeiten. Vortrag mit Bildern in griechischer Sprache mit Simultanübersetzung durch unser Mitglied Anina Jendreyko, Schauspielerin und Künstlerin, anschliessend Apéro. Das Künstlerpaar Dellatolas und Fougnies lebt in Tinos, wo es eine Skulptur-Schule führt. Ihre Werke wurden an Ausstellungen in Griechenland, Amerika und Kanada präsentiert. Die beiden Künstler werden uns zeigen, wie sich die Arbeitsmittel und Techniken der Marmorbearbeitung im Laufe der Zeit entwickelt haben. Auch die Geschichte des Marmors in Griechenland wird Gegenstand ihrer Ausführungen sein.

Einzeln wunderbarer Auftakt

Alle Stühle in der Skulpturhalle waren besetzt mit  erwartungsvollen Mitgliedern und zahlreichen Gästen. Petros Dellatola erfüllte die Erwartungen mit einem sehr interessanten und wohl komponierten Vortrag über die Geschichte der griechischen Marmorkunst, welcher geprägt war von der tiefen Beziehung des Referenten zum Marmor.

Petros Dellatola hat das Kunsthandwerk von seinem Vater geerbt; es hat sein ganzes Leben geprägt. Er erinnerte an seinen Vater und Onkel, wie sie nach dem Krieg mit wenigen und einfachen Werkzeugen mit unendlicher Geduld und Ausdauer im Steinbruch arbeiteten. Sie stellten vor allem Marmorquader für den Strassen- und  Häuserbau her.

Anhand eindrücklicher Bilder legte er Referent den Arbeitsprozess dar:  Am Anfang steht die Suche nach einem geeigneten Marmorblock. Die Suche gleicht einer Schatzsuche. An einem Stück Marmor demonstrierte er, was einen Marmorblock auszeichnet: Klingt er hell und klar, wenn man mit einem Hammer darauf schlägt, besitzt er Spannung und ist perfekt. Klingt er matt, ist es ein problematisches Stück. 

Die traditionelle Gewinnung erfolgt in folgenden Schritten:

  1. Ausgraben
  2. Bohreisen einschlagen
  3. Keile setzen für die horizontale Spaltung
  4. Aushebeln
  5. Block quadrieren
  6. Transport auf Holzschlitten zum Schiff

Im Anschluss daran erläuterte Petros Dellatola die Geschichte der griechischen Marmorkunst: Die Kykladenbewohner waren 3200-2000 v. C. die  ersten, welche Marmor behauten. Auf den Kykladen  befördern Witterung und Meer Marmorkieselsteine an den Tag. Mit Obsidian und Schmiergelstein stellten die frühen Künstler die bekannten Kykladenidole her.

In Kreta wurde während der minoischen Hochkultur kein Marmor verwendet. Aus der mykenischen Zeit sind nur wenige Skulpturen erhalten geblieben; die berühmteste ist das Löwenrelief  in Mykene. Nach einem Unterbruch von zwei bis drei Jahrhunderten  erlebte die Marmorkunst eine Renaissance im 8. Jahrhundert. Erste Materialien waren Tuff und Sandstein, die mit Werkzeugen und Techniken der Holzbearbeitung bearbeitet wurden. Die Marmorkunst verlangte nach neuen Werkzeugen; das neu entdeckte Eisen lieferte das Material. Petros Dellatola zeigte die zwei grundlegenden Werkzeuggruppen: Schlagwerkzeuge und Werkzeuge, auf die geschlagen wird. Die ausgegrabenen Werkzeuge lassen keine Rückschlüsse auf das genaue Aussehen der antiken Werkzeuge zu. Die Qualität der Kunstwerke lässt jedoch darauf schliessen, dass Topwerkzeuge zur Verfügung standen. Die besten Künstler stammten damals aus Naxos. Die Technik wurde bis zur Vollendung weiterentwickelt, so dass im 5. und 4. Jh.  Werkzeuge und Techniken zur Verfügung standen, welche die Entstehung der bekannten vollendeten Kunstwerke ermöglichten.

Mit grosser Ehrfurcht beschränkte sich der Künstler Dellatola auf die Aufzählung der grossen Künstler der griechischen Klassik: Iktinos, Myron, Phidias, Praxiteles  usw. In der hellenistischen Zeit  waren die Künstler nicht mehr so frei, in den Steinbrüchen frei zu arbeiten. Massen von Sklaven verrichteten nun die Arbeit in den Steinbrüchen. Es gab nur noch wenige unabhängige Werkstätten und Künstler.  In der Zeit des Christentums wurden viele heidnische Kunstwerke zerstört. Doch die Kunst fand einen Weg, in der neuen Kultur zu überleben: Neue grossartige Werke entstanden, angepasst an die neuen Bedürfnisse. 

Im 18./19. Jh. waren die Werkstätten von Tinos im gesamten osmanischen Reich  engagiert: Alexandria, Ismir, Odessa, Konstantinopel usw. Nach der Entstehung des griechischen Staates stellten tiniotische Künstler neue Bauwerke in der neuen Hauptstadt Athen her. Heute arbeiten sie als Restaurateure, z. B. auf  der Akropolis.Die modernen Technologien haben den Abbau und die Verarbeitung von Marmor vollkommen verändert. Die traditionellen Techniken wurden von einer gigantischen Abbaumaschinerie verdrängt und drohen vergessen zu werden.

Ein tiefes Verständnis für das Material Marmor ist nicht mehr gefragt. Marmor ist zum Konsumgut geworden. Seit 1960 werden  täglich tausende Kubikmeter Marmor abgebaut; und doch ist kaum ein bedeutendes neues Kunstwerk entstanden. Mit einem Appell, diesen Missbrauch zu beenden, schloss Petros Dellatola seinen Vortrag. Die zahlreichen Fragen zeigten, wie sehr er das Interesse des Publikums geweckt hatte.

 

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